Academy / Duschbus für Menschen ohne Obdach in Hamburg – Interview mit Dominik von GoBanyo
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Duschbus für Menschen ohne Obdach in Hamburg

Was für die meisten selbstverständlich ist, ist für einen Teil unserer Gesellschaft ein unvorstellbarer Luxus: Eine warme Dusche nach einem langen Tag. Dominik Bloh war lange Zeit obdachlos und kennt die Härte des Lebens auf der Straße. Gemeinsam mit anderen hat er GoBanyo ins Leben gerufen, den Duschbus für Menschen ohne Obdach. In diesem Interview erzählt er uns, wie er es geschafft hat, von der Straße runterzukommen und warum Waschen ein Menschenrecht sein sollte.

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Interview mit Dominik Bloh von Gobanyo

Hey Dominik, schön dich zu sehen. Erzähl doch mal kurz etwas zu dir und deiner Geschichte.

Mein Name ist Dominik. Ich bin Autor und Aktivist. Ich bin schon als Jugendlicher obdachlos geworden. Zehn Jahre lang war das der rote Faden in meinem Leben. Bis ich es 2016 von der Straße runter geschafft habe in eine eigene Wohnung.
Auf der Straße hatte ich immer das Gefühl, dass ich wirklich so dreckig bin, dass ich irgendwann dachte, dass ich selbst Dreck wäre und deswegen hatte ich die Idee einen Duschbus auf die Straße zu bringen. Einen Ort, wo sich Menschen ohne Obdach kostenlos waschen können. Diese Idee ist mit GoBanyo 2019 Realität geworden.

Wie hast du es geschafft, von der Straße zu kommen?

Auf der Straße habe ich irgendwann nicht mehr geglaubt, dass ich 30 Jahre alt werde. Ich dachte, dass ich vorher sterbe. Und weil ich das nicht wollte, habe ich mich entschieden, dass sich was ändern muss. Das war mit Sicherheit eine intrinsische Motivation. Aber Menschen können auch immer nur bis zu einem bestimmten Punkt selbst gehen und dann braucht es wieder andere. Ich hatte das Glück, einen Menschen in meinem Leben zu haben, der mir geholfen hat. Er hat mir eine Wohnung besorgt und ein Jahr lang die Miete gezahlt. Das ist das Prinzip Housing First. Das hat mein Leben verändert und ich glaube, dass Housing First für alle Menschen, die heute noch auf der Straße leben müssen, ein Weg aus der Obdachlosigkeit sein kann.
Eine weitere Motivation und mit Sicherheit auch ein Grund, warum ich nie aufgegeben habe, war das Schreiben. Ich habe immer geschrieben. Das war wie eine Form von Selbsttherapie für mich. Und das war eine Form, das, was ich erfahren habe und das, was ich gelitten habe, täglich rauszulassen und auszudrücken.

Duschen ist für die meisten von uns etwas völlig Simples. Warum ist es deiner Meinung nach so wichtig?

Ich glaube ganz fest daran, dass Duschen ein menschliches Grundbedürfnis ist und jeder ein Recht darauf haben sollte. Auf der Straße gibt es das nicht. Dadurch verliert man sehr viele Dinge. Das ist nicht nur der äußere Schmutz, der ständig an einem haftet – es geht vielmehr um das Innere und dass man Selbstwertgefühl verliert, weil man ständig das Gefühl hat, dreckig zu sein. Eine Dusche hilft zumindest für einen Moment, all diese Gefühle abzustellen. Wer frisch geduscht ist, der fühlt sich für einen Moment sauber und wohl in seiner Haut. Und das ist genau der Augenblick, wo Menschen wieder mit geradem Haupt und aufrechtem Rücken aus unseren Badezimmern kommen. Das kann Ihnen die nötige Kraft geben, um zu sagen ‘Ich traue mir jetzt den Weg ins Hilfesystem. Zum Job. Zur Jobsuche. Zu einer Wohnungsbesichtigung. Duschen ist Hilfe zur Selbsthilfe.

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Warum ein Duschbus?

Es gibt ja bereits einige Anlaufstellen, aber ich selbst habe mich immer geschämt, dahin zu gehen, weil ich schon so dreckig war. Es macht Sinn direkt da einen Ort anzubieten, wo sich Menschen auf der Straße aufhalten und zu sagen, hier habt ihr einen Ort, an dem ihr kostenlos duschen könnt und frische Kleidung bekommt. Das war für uns elementar und deswegen ist es enorm wichtig, mobil zu sein. Deshalb sind wir auch innerhalb einer Woche an verschiedenen Standorten. Wir sind in ganz verschiedenen Bereichen in Hamburg unterwegs.


Der Duschbus konnte über das Projekt GoBanyo realisiert werden. Erzähl doch mal kurz was zu GoBanyo.

GoBanyo ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Das bedeutet, wir sind nicht profitorientiert, sondern das, was wir tun, ist für das Allgemeinwohl. Genau darin sehen wir auch unsere Arbeit. Wir wollen der Gesellschaft und den Menschen, die es in unserer Gesellschaft besonders schwer haben, etwas zurückgeben. Unsere Mission ist, Menschen den Zugang zu sanitären Anlagen zu bieten. Das ist unsere erste Priorität. Unsere Vision beinhaltet natürlich noch mehr: Nämlich Obdachlosigkeit zu beenden. Der Duschbus ist dabei Mittel zum Zweck, denn langfristig wollen wir dahin, dass Menschen nicht mehr auf der Straße duschen müssen, sondern jeder Zugang zu einem eigenen Badezimmer hat.


Wie kann man GoBanyo dabei unterstützen?

Wir haben in Zukunft noch viel vor und dafür brauchen wir viel Hilfe. Das Wichtigste für uns sind Menschen, die am Bus mit am Start sind und dafür sorgen, dass Menschen auf der Straße die Möglichkeit haben, zu duschen. Wenn ihr Lust auf ein Ehrenamt habt, connected euch gerne mit GoBanyo. Und wer dafür keine Zeit hat, kann uns natürlich auch unterstützen. Als gemeinnütziges Unternehmen sind wir auf Spenden angewiesen. Damit unterstützt ihr uns auch bei unserer Arbeit. Jeder, der Lust hat, kann aktiv werden und Gutes tun.

Wie kann man sich einen Duschbus vorstellen?

Unser Duschbus ist ein umgebauter Bus, wie man ihn aus dem öffentlichen Nahverkehr kennt. Er verfügt über drei voll ausgestattete Badezimmer. Da ist alles drin, was es braucht: Dusche, Toiletten, Waschbecken, Spiegel. Unsere Besucher sollen das Gefühl haben, dass sie in einem richtigen Badezimmer sind und alles benutzen können. Außerdem sind wir barrierearm, das heißt, zu uns kann wirklich jeder kommen. Selbstverständlich sind wir kostenlos. Das Ganze funktioniert sehr simpel: Der Bus ist ausgestattet mit einem Frischwassertank und einem Abwassertank. Am Ende des Tages brauchen wir nur Strom und Wasser. Selbstverständlich haben wir warmes Wasser – das wurden wir auch ein paar Mal gefragt. Natürlich bekommen unsere Besucher auch frische Klamotten, damit sie nach dem Duschen nicht zurück in ihre alten, stinkenden Sachen steigen müssen.

Wir sind fünf Tage die Woche in Hamburg unterwegs, an verschiedenen Standorten. Wir sind Vormittag bis Nachmittag vor Ort. Wir sehen, wie groß und wie dringend der Bedarf an sanitären Anlagen ist – gestern waren z.B. 30 Menschen bei uns duschen. Wir wollen natürlich für alle möglichen Menschen weiter den Zugang zu sanitären Anlagen bereitstellen.

Und mit Blick auf die Zukunft: Ist ein zweiter Bus in Planung?

Der Bedarf ist hoch genug, die Menschen sind dankbar, dass es uns gibt und wir sehen, dass wir gebraucht werden. Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht systemerhaltend sein. Eine Dusche hilft den Menschen und ist ein erster Schritt. Ein wichtiger Schritt. Aber darüber hinaus verfolgen wir das Ziel, Obdachlosigkeit zu beenden.


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